Manchmal musst du einfach leben

Von Gayle Forman

Verlag: Krüger/Fischer

Eine Buchbesprechung von Inge Faubet | 21.11.2017

 

Gayle Forman arbeitete nach ihrer journalistischen Karriere beim „Seventeen Magazine“ für große Zeitschriften. Dazu gehören „Glamour“, „Elle“ und „Cosmopolitan“. Irgendwann begann sie mit dem Schreiben von Romanen. Inzwischen waren schon etliche Bücher von ihr auf den Bestsellerlisten zu finden. Die Autorin ist Jahrgang 1971 und lebt mit ihrer Familie in Brooklyn, New York.

Der 368 Seiten starke Roman „Manchmal musst du einfach leben“ geht unter die Haut. Die 44jährige Protagonistin Maribeth steht ständig unter Strom. Sie funktioniert nahezu perfekt, eigentlich genauso wie man es von ihr erwartet und vor allem, wie sie  es selbst  von sich erwartet. Als Mutter von  Zwillingen gibt sie alles, um ihren Anforderungen zwischen Job und Abgabeterminen, zwischen Haushalt und persönlichen Verpflichtungen gerecht zu werden. Dass dabei die eigenen Bedürfnisse in diesem vom Dauerstress regierten Leben auf der Strecke bleiben, bemerkt offenbar niemand, am wenigsten Maribeth selbst. Sie kommt ganz  klar zu kurz. Das spürt sie zwischendurch, erlaubt es sich aber nicht einzugestehen. Woher soll sie auch die Zeit und Kraft nehmen, sich trotz permanenter Überforderung und Dauer-Übermüdung  bei all dem auch noch um sich selbst zu kümmern? Den sich ankündigenden Herzinfarkt hält sie für Verdauungsprobleme und schiebt die Beschwerden auf das viel zu fettige Essen vom Chinesen. Sie sitzt im Büro am Schreibtisch und geht schon mal die To-do-Liste für den nächsten Tag durch. Nach einem langen und anstrengenden Tag fällt Maribeth zuhause in einen unruhigen Schlaf. Sie fühlt sich schlecht und zerschlagen am nächsten Morgen, was nach wenig Schlaf und dem zu fetten Essen vom Vorabend beim Chinesen kein Wunder ist. Denkt sie! Dass nun noch so lästige Kieferschmerzen hinzukommen, hat ihr gerade noch gefehlt. Dennoch schafft es Maribeth irgendwie aus dem Bett, um Liv und Oscar beim Anziehen zu helfen und pünktlich in den Kindergarten zu bringen. Es ist schließlich Freitag und da ist sie dran. An den übrigen Tagen übernimmt Jason diese Aufgabe.

Maribeths Herz krampft sich immer öfter zusammen. Die Symptome hält sie für Stress und als Folge ihrer Erschöpfung. Dass ihr Herzgewebe unter Sauerstoffmangel bereits abzusterben beginnt, weiß Maribeth nicht und genau weil sie das nicht weiß, spielt sie ihre Beschwerden herunter. Der Arzthelferin in Dr. Crays Praxis gegenüber behauptet sie jedenfalls: „Es geht mir gut!“. Zwei Stunden später befindet sie sich in der Notaufnahme.

Nachdem Maribeth eine OP am offenen Herzen überstanden hat und endlich wieder zuhause ist, dürfte wohl jeder erwarten, dass es nun wieder aufwärts geht und alles besser wird, frei nach dem Motto: Ende gut, alles gut. Aber nichts ist gut. Maribeth fühlt sich zunehmend überfordert, packt in einer Kurzschlusshandlung ihre Sachen zusammen, hebt Geld ab und: Sie verlässt ihre Familie.

Manch eine Frau, manch eine Mutter mag sich hier zumindest in Gedanken wieder finden und dabei gleichzeitig unbehaglich fühlen,  hin- und hergerissen zwischen Verständnis und Empörung. Dieses Buch lässt keine Frau kalt. Welchen Stellenwert hat Mutterliebe auf der Suche nach der eigenen Identität? Aufwühlend, schonungslos offen und fesselnd nimmt die Autorin in diesem Roman den Leser mit.  Unberührt bleibt sicher niemand. Nicht ein einziges Mal gerät hier beim Lesen etwas aus dem Fluss, geschweige denn ins Stocken. Fazit: Zeitgenössische Frauenliteratur, genau wie  man es sich wünscht. Absolut empfehlenswerter Lesestoff für lange Winterabende!

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