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Du weißt ja gar nicht, wie gut Du es hast

von: Maria Bachmann

Verlag: Knaur

Eine Buchbesprechung von Inge Faubet | 18.März 2020

 

Ausbrechen und leben! Dieser Wunsch dürfte vielen Kindern der Nachkriegsgeneration nicht fremd sein. Aber zwischen "wünschen" und "tun" liegen Hürden, an denen die meisten wohl ausgebremst werden und letztendlich scheitern. So bleiben sie ewig gefangen in ihren Träumen. Maria Bachmann ist in der Provinz der 60er Jahre zwischen Selbstverleugnung und Depression aufgewachsen. Ein Blick über den Tellerrand war verpönt. Aus ihren persönlichen "zehn Geboten", seien nachstehend die ersten fünf zitiert:  "1. Iss nicht bei anderen Leuten. 2. Wir sind nichts, und wir haben nichts. 3. Gib anderen Leuten keinen Grund, über dich zu reden, denn was die denken, ist wichtiger als das, was du denkst. 4. Sei zufrieden mit dem, was du hast. 5. Tu dich bloß nicht hervor." Die Autorin schenkt uns mit diesem Buch ein mutiges Selbstportrait und schildert eindrucksvoll, wie sie es trotz bedrückender Kindheit geschafft hat, das Leben zu lieben und sich letztendlich sogar mit der Vergangenheit zu versöhnen. Alles andere als leichte Kost!

Die kleine Maria will immer alles richtig machen, damit die Eltern zufrieden sind. Meistens gelingt ihr das auch, denn das schüchterne kleine Mädchen tut alles dafür, dass die Eltern nicht böse sind. Das ist nicht immer leicht. Maria hat sich heimlich eine Brausestange aus dem Küchenschrank genommen und leugnet "die Tat" mit einem furchtbar schlechten Gewissen. Die Mutter ist erbost und droht: "Da fehlt doch eine! Auch noch lügen Fräulein! Warte nur ab, wenn der Vater heimkommt!" Mit diesen Worten lässt sie das Kind stehen. Die kleine Maria bereut unendlich was sie getan hat, weil sie der Mutter Ärger gemacht und damit Dunkelheit in die Küche gebracht hat. Immer wieder fragt sie die Mutter: "Hast du mich noch lieb?" Aber es kommt keine Antwort. Maria muss wissen, ob die Mutter dem Vater etwas gesagt hat und versucht in seinem Gesicht zu lesen. Vergeblich. Die anhaltende Ungewissheit vor einer Strafe hängt wie ein Damoklesschwert über ihr und dauert mehrere Tage. Mit fünfzehn bekommt sie endlich ihr eigenes Zimmer, direkt hinter dem Schlafzimmer der Eltern. Eine Tür gibt es nicht, lediglich einen dünnen Stoffvorhang. Maria ist stolz. Endlich ihr eigenes kleines Reich! Die Blümchentapete kann sie nach einigem Hin und Her durchsetzen, aber der Wunsch nach einem kleinen Tisch zum Tagebuch schreiben scheint aussichtslos. Die Mutter: "Du brauchst doch keinen Tisch!". Der Vater: "Für was brauchst du denn einen Tisch?". Das DU betonen die Eltern so, dass Maria selbst nicht mehr versteht, wie sie überhaupt so eine vermessene Idee haben kann, wo es doch auf der Welt so viele Menschen gibt, denen es viel schlechter geht als ihr. "Auch noch Ansprüche haben", sagt die Mutter.

Ich habe das Buch am vergangenen Wochenende durchgelesen und wurde dabei immer wieder (nicht zuletzt auch durch die enthaltenen Bilder) mit meiner eigenen Kindheit in den 50er/60er Jahren konfrontiert. Obwohl meinen Wünschen und Bedürfnissen in meinem Elternhaus - insbesondere durch meine Mutter - doch genügend Aufmerksamkeit geschenkt wurde, so gibt es dennoch viele Parallelen. Geldsorgen bekam ich nicht zu spüren, denn meine Eltern (eine Krankenschwester und ein Uhrmacher) nutzten die Zeit des Wirtschaftswunders, um gemeinsam ein Uhren- und Schmuckgeschäft aufzubauen. Damit hatten sie Erfolg und gehörten im gutbürgerlichen Sinne zu den "angesehenen Bürgern und Geschäftsleuten". Auch wenn sie im ganzen Ort die ersten waren, die einen Fernsehapparat und ein Telefon vorweisen konnten, so hing dennoch auch bei uns immer ein Hauch von angepasstem Spießertum wie ein bedrückender Nebel in der Luft, frei nach dem Motto: Bloß nichts falsch machen! "Das tut man nicht" oder "Das gehört sich nicht!" Diese Sätze prägten auch mich und sind mir wohlbekannt. Konflikte sprach man nicht aus, sie wurden totgeschwiegen. Wenn man sich innerhalb der Familie nicht einig war, dann sprach man eben eine Weile nicht mehr miteinander. Es wurde viel Wert darauf gelegt, was die Leute wohl über einen sagten. "Was sollen denn die Leute denken!" Diesen Satz bekam auch ich als Kind oft zu hören.

Maria Bachmann ist es gelungen, sich mit eigener Kraft aus einem kleinbürgerlichen, spießigen und intoleranten Milieu ins wahre Leben zu katapultieren. Sie ist das beste Beispiel dafür, dass es trotz aller Widerstände möglich ist, selbst die größten emotionalen Barrieren zu überwinden. Heute ist sie eine angesehene Schauspielerin, Buchautorin und wunderbare Motivations-Trainerin für Menschen, die noch nicht zu sich selbst gefunden haben. Und für mich außerdem: Eine sehr sympathische Person!

Dieses Buch habe ich für absolut lesenswert befunden. Es geht unter die Haut, hat mich persönlich sehr berührt und selbst nach dem Lesen noch lange gedanklich beschäftigt. Aber nicht nur das: Dieses Buch ist auch geeignet, den eigenen Groove neu zu entdecken und - egal in welchem Alter - die Lust aufs Leben wieder anzufachen. Es lohnt sich!

 

 

 

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