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Warum normal sein gar nicht so normal ist

...und warum reden hilft

Von: Dominique de Marné

Skorpio Verlag

Eine Buchbesprechung von Inge Faubet | 20.01.2020

 

Mit zwei Flaschen hochprozentigem Alkohol, unter der Woche und mitten am Tag versuchte Dominique de Marné, den psychischen Druck abzubauen, den ihr die emotionalen Achterbahnfahrten ihrer Borderline Störung bescherten und ihr das Leben so schwer machten. Mr. A. nannte sie ihren Freund, den Alkohol. Knapp 15 Jahre begleitete Mr. A. die junge Frau, so dass sich zu ihrer Borderline Störung noch eine Abhängigkeit (Sucht) gesellte. Aber damit nicht genug: Es dauerte nicht lange und es entwickelte sich eine handfeste Depression. In Begleitung dieser drei gefährlichen und unfreundlichen Weggefährten war es tagtäglich ein Kraftakt, mit diesen drei Begleitern irgendwie klarzukommen und gleichzeitig "normal" zu wirken. Es sollte ja auf keinen Fall jemand etwas mitbekommen von alldem. Beim Lesen dieses Buches fiel mir automatisch das ebenfalls auf diesen Seiten rezensierte Buch mit dem Titel "Ich schaffe es nicht allein" ein, denn es wird deutlich, wie wichtig Aufklärung ist. Diese junge Frau hat - wie die meisten Betroffenen - viel zu lange versucht, ihre Probleme allein in den Griff zu bekommen, die Kontrolle zu behalten, aus Angst und Scham.

Um so erfreulicher ist es, dass Dominique de Marné ihren Weg gefunden hat, nämlich den, sich letztendlich doch Hilfe zu suchen. Dass sie sich zu einer Therapie entschlossen hat, möglichst weit weg von zuhause, das verheimlichte sie zunächst vor ihrer Familie. In dem vorliegenden Buch lässt sie uns ein wenig hineinschnuppern wie es ist, sich in die Obhut einer Klinik zu begeben, was es bedeutet, gute Therapeuten zu finden und wie wichtig auch Gespräche mit ebenfalls Betroffenen sein können. Die Autorin hat Kommunikationswissenschaften und Psychologie studiert, möchte ihre Erfahrungen und ihr Wissen weiter transportieren und ist heute erfolgreich als Bloggerin und "Mental Health Advocate" unterwegs. Dass psychische Probleme genauso "normal" sind wie jede andere Krankheit auch, das möchte die Autorin dem Leser vermitteln.

Nachdem ich dieses Buch zur Rezension bekam, ging ich zunächst davon aus, hier die emotional aufwühlende Geschichte einer psychisch Kranken vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erlebnisse zu lesen, eine Art Biografie also. Ganz so ist es nicht. Das Buch spiegelt zwar die eigene Betroffenheit der Autorin wider, bewegt sich aber mehr auf der sachlichen statt auf der emotionalen Ebene. Es liefert gut verständlich erklärte Informationen und Erklärungen zu Diagnosen, die einwandfrei recherchiert wurden. Der Schreibstil ist klar und flüssig, Fachausdrücke werden gut erklärt. Im Klappentext steht: "Wann hat man schon einmal die Möglichkeit, in den Kopf einer Gestörten zu schauen?". Das machte mich neugierig. Der tiefere Einblick in den Kopf der "gestörten Autorin" ist mir persönlich beim Lesen allerdings doch eher verwehrt geblieben. Das mag sicherlich auch daran liegen, dass ich mich mehr auf eine Art "Biografische Erzählung" statt auf einen mehr oder weniger sachlichen "Ratgeber/Lebenshilfe" eingestellt hatte.

Das Buch klärt auf, so dass Betroffene und Angehörige - insbesondere im Hinblick auf Borderline - hier durchaus profitieren können, denn immerhin wurde es von einer Person verfasst, die selbst betroffen ist und genau weiß, worüber sie schreibt. Der Inhalt wird zwischendurch aufgelockert durch einfache Zeichnungen/Skizzen. Auf den letzten Seiten findet der nach Informationen zum Thema suchende Leser noch eine Auflistung mit Hinweisen und Empfehlungen auf Internetseiten.

Zusammenfassend kann man sagen, dass wir es hier mit einem aufklärenden und gut recherchierten Buch zu tun haben, was Betroffene, Angehörige und sicherlich auch Therapeuten interessieren dürfte.

 

 

 

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